Notizbuch des Heinrich Steven

GESCHICHTEN aus HERVEST

Notizbuch des Heinrich Steven.

Heinrich Steven Bottop, vermählt sich am 19. Mai 1908 mit Elisabeth Nover Hervest. Mit Gottes Gnade wurde im Herbst 1907 dieses Stück Land gekauft, wo das Haus drauf steht. Hellweg 226. Zum Preis von 1150 Mark. Im November 1907 wurde mit dem Bau begonnen, und im April 1908 beendet. Im Sommer 1911 haben wir Stall und Waschküche gebaut, macht zusammen einen Preis von 9500 Mark. Für den Stall und die Waschküche haben wir 100 Mark aufgenommen, 100 Mark aus Ersparnissen bezahlt, und 500 Mark in Raten beim Bauunternehmer abbezahlt. Im Kriegsjahr 1917 haben wir das daneben liegende Grundstück von Johann Fischer gekauft. Für 2500 Mark, 1100 Mark aus Ersparnis angezahlt, Rest 1400 Mark verzinst. Im Herbst 1917 haben wir schon 11 Obstbäume stehen, und zwar 6 Birnbäume, 3 Apfelbäume, 2 Kirschenbäume. Im Juli 1919 haben wir Johann Fischer den Restbetrag für das Land bezahlt. Am 10. April 1920 haben wir ein 1 Jahr altes Rind gekauft von WW. Josef Marienbohm aus Altschermbeck zum Preis von 1200 Mark. Für Weidegeld haben wir bei WW. Johann Große Voßbeck 180 Mark bezahlt. Im März 1921 haben wir das Rind verkauft, weil es nicht tragend war. Wir bekamen für das Pfund Lebendgewicht 6 Mark. Das Rind hat 580 Pfund gewogen somit bekamen wir 3480 Mark für das Rind. Am 6. März haben wir uns ein tragendes Rind von Ströter gekauft, zum Preis von 5900 Mark. Wir mußten also zu dem ersten Rind 2400 Mark herausgeben. Davon haben wir 1000 Mark von WW. Johann Bothe Bottrop geliehen, 1000 Mark haben wir bei Ströter stehen gelassen. Wir hatten im Augenblick nicht soviel Geld zur Verfügung, weil im November 1920- 2000 Mark vom Kapital an Heinrich Nover Hervest (Dörks) abbezahlt haben. Das Rind ist am 7. März Milch geworden. Am 10. März habe ich das Rind und das Kalb von Große Erwig aus Wulfen geholt. Am 12. März ist unser erstes Rind abgeholt worden. 1922 haben wir im März die Kuh von Große Erwig verkauft und eine neue von Lembeck bekommen. Im Jahre 1924 ist die Zeche Fürst Leopold mit der Landpacht sehr teuer geworden. Wir mußten 20 Mark pro Morgen, und noch die Steuer bezahlen. Bei diesen Preisen brachte die Landwirtschaft nichts mehr auf. Wir haben daher die Kuh wieder verkauft, an Wilhelm Timmermann für 210 Mark. Ein Schafslamm von 6 Wochen haben wir bekommen, das kostete 10 Mark. Einige Preise aus dem großen Krieg 1914-1918: Im Jahre 1915 Einführung der Brot-, Fleisch-, und Lebensmittelkarten. Es bekamen täglich Erwachsene ein halbes Brot, Kinder unter 6 Jahren die Hälfte. Fleisch für Erwachsene wöchentlich 200 Gramm, Kinder unter 6 Jahren 100 Gramm. Butter, Margarine oder Fett wöchentlich 62,5 Gramm. Es wurden auch Milch und Petroleumkarten eingeführt. Im Jahre 1916 wurden Bezugscheine für Kleidungsstücke und Schuhe eingeführt. Ebenso wurden Kartoffeln in Rationen eingeteilt. Im Jahre 1917 wurden Höchstpreise für Schweinefett festgesetzt. Die Preise für Holzschuhe stiegen ganz gewaltig. Im Sommer 1917 kosteten bei Steinberg Holzschuhe für Kinder von 3 Jahren 1,40 Mark, weil die im Orte blieben, nach auswärts dieselben Holzschuhe nur 1,20 Mark. Die Frauenholzschuhe kosteten 2,80 Mark, und für Männer 3,50 Mark. Ende 1917 sogar für Frauen 3,00 Mark und Männer 4,50 Mark. Steinberg soll zu wiederholten Male geäußert haben, Männerholzschuhe müßten 5,00 Mark kosten. Kartoffeln kosteten im Herbst 1917 zum Einkellen 8,10 Mark. Die Bauern bekamen 6 Mark, 2,10 Mark waren für das Amt. Grubenschuhe kosteten für Bergarbeiter auf Bezugschein 30,05 Mark, eine Grubenhose kostete 10 Mark, Schweißkittel wurden als Unterjacken zu 3,50 Mark, Hosen für den Weg von und zur Arbeit für 10,50 bis 35 Mark verkauft. Blauleinene Frauenanzüge kosteten mit Mütze 58 Mark. Wollgarn kostete ein Strang 14 Mark. Eine Frauenschürze 20 Mark. Eine Kinderschürze im Alter von 3 Jahren 6 bis 8 Mark. Ein Erstlingskleid 11 Mark. Für ein Mädchen von 8 bis 9 Jahren 40-80 Mark. Ein Frauenmantel oder eine Jacke 180 bis 300 Mark. Ein Anzug für Männer 220 bis 350 Mark. Ein Paar wollne Frauenstrümpfe 20 Mark. Ein Paar Männersocken kosteten 10-12 Mark. Für fette Schweine wurden 5- 600 Mark bezahlt, die ein Gewicht von 2 ½ Zentner hatten. Milch kostete 35-40 Pfennig das Liter (Vollmilch). Zentrifugenmilch das Liter 25 Pfennig. Zwieback für Kinder bis zu 2 Jahren und alte Leute über 65 gibt es nur auf amtliche Bescheinigung. Sparkernseife, die im Frieden das Stück 8 bis 10 Pfennig kostet, ist bis auf 5-5,50Mark gestiegen. Schmierseife kostet das Pfund 2,50 Mark. Perlsago vom Amt, das Pfund 1,20 Mark. Ein Paar Sonntagsschuhe kosten 60 bis 80 Mark ohne Bezugschein, wenn Eier, Butter oder Speck geliefert wurden. Ein Liter Öl ist mit 30 bis 35 Mark bezahlt worden. Pferde kosteten 7-8000 Mark, ein zweijähriges Milchschaf 350- 400 Mark, tragende Lämmer 300 Mark, Ziegen 160 bis 250 Mark. Es ist noch viel zu haben an Schuhen, Kleidungsgegenständen sowie Kunstdünger, aber alles gegen Abgabe von Lebensmittel- und Fettkarten. Geschrieben 10.05.1918. Kartoffeln zum Einkellern kosteten im Herbst 1917 vom Amt 8 bis 10 Mark. Der Zentner Pflanzkartoffeln wurde im Frühjahr 1918 zu 12,50 vom Amt angeboten. Buchweizenmehl kostet beim Müller 2 Mark das Pfund. Ungemahlener Buchweizen 2 bis 3,50 Mark. Im Frühjahr 1918 haben wir ein Milchschaflamm gekauft, das etwa 5-6 Wochen alt war und es sollte 160 Mark kosten, wir haben es für 158 Mark bekommen. Pflanzkartoffeln vom Amt kosteten pro Zentner 12,50, sechs Wochen alte Schweine kosteten 100 bis 120 Mark. Wir haben ein 6 Wochen Schwein im Mai für 50 Mark und eines im Juli für 100 Mark gekauft. Am 9. November 1918 Ausbruch der Revolution. Wirtschaftlicher und militärischer Zusammenbruch. Arbeiter und Soldatenräte. Verschleudern von Heeresgut. Beschlagnahmen, Raub und Mord und Diebstahl. Ständiges Fallen unseres Geldes, Verschiebung von Gold, Silber, Korn und alles andere. Spartakus rauben, Mord und Plünderungen. Unsinniges Steigen sämtlicher Sachen, Wucher und Schiebertum stand in voller Blüte. 6 Wochen- Schweine kosten 150-180 Mark. Im März 1920 fand der Kapitalistische Regierungssturz statt. Ein Generallandschaftsdirektor Kapp trat als Reichskanzler auf, ein Herr Luttwitz als Militäroberbefehlshaber. Das war die Reaktion von rechts. Jetzt kam am 20. März die Reaktion von links der Bolschewismus. Raub und Mord waren an der Tagesordnung. Regierungstruppen haben wieder Ruhe und Ordnung geschaffen. In Bottrop haben am Karsamstag und Ostersonntag schwere Kämpfe zwischen Rotgardisten und Regierungstruppen stattgefunden, wobei es über 100 Tote gegeben hat. Wir haben als erste Frucht dieses Putsches in der Woche vom 4. Bis 11 April Ostersonntag bis Weißensonntag pro Kopf und Woche 2 Pfund Brot bekommen. Im Oktober 1921 habe ich ein Paar Sonntagsschuhe für mich gekauft zum Preis von 275 Mark. Im Jahre 1923 stiegen die Preise ganz kolossal. Im Juni kostete ein 6 Wochen- Ferkel 280000 Mark. Wir haben am 1. Juni eine Zentrifuge gekauft für 360000 Mark. Die neue Sendung soll bis 500000 Mark kosten. Ein Sonntagsanzug kostet über eine Million Mark. Das Markenbrot (auf Brotmarke) Graubrot Pfund 4300 Mark, 3 Pfund 2200 Mark, Kasslerbrot 6 Pfund 4400 Mark, 3 Pfund 2300 Mark, Schwarzbrot 6 Pfund 4100 Mark 3 Pfund 2100 Mark. Kasseler und Graubrot geschnitten Pfund 750 Mark. Am 1. Juli kostete die Vollmilch ab Stall 1 Liter 1500 Mark. Butter ein Pfund 17000 Mark. Eine 1 ½ schläfrige Bettstelle kostete im Mai mit einfachen Anstrich 90000 Mark. Ein Liter Rüböl kostet im Juni 30000 Mark. 1 Pfund Speck 19000 Mark. 1 Paar Männerschuhe besohlen kosteten Mitte Juni 28000 Mark. Im Januar 1923 besetzten Franzosen und Belgier das Ruhrgebiet. Auch Dorsten wurde besetzt. In Hervest-Dorsten lagen in der Augusta-Schule Belgier. Die Lippe war Zollgrenze. Wer von Dorsten neue Sachen über die Lippe haben wollte, mußte den Belgiern Zoll zahlen. Auch wurden Autos, Motorräder und Fahrräder beschlagnahmt. Wer nach Dorsten wollte, der mußte einen Personalausweis haben der von der Besatzungsbehörde gestempelt war. Es haben Leute von nachts bis mittags um 12 Uhr gestanden um den Paßstempel zu bekommen, doch vergebens, sie wurden von den Belgiern noch verspottet. Am 26. Juni haben die Belgier in Dorsten die Lohngelder der Zeche Baldur in der Höhe von 1 Milliarde und 1 Million beschlagnahmt.

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