GESCHICHTEN aus HERVEST
Der unvergeßliche Tag
Mit viel Mühe und Geschick schneiderte Fischers Hermann einen Mantel für den Paul. Im Jahre 1945 bei der großen Kriegsnot nicht einfach. Ein alter Mantel wurde zerschnitten, und geschickt umgearbeitet. Viele Anproben ließ der 11 jährige Junge, auf Kosten seiner Spielfreizeit, über sich ergehen. Richtig schick sah der Paul mit dem neuen Mantel aus. Erst zwei Tage war der fürchterliche Krieg für Hervest vorbei. Im ganzen Dorf lagen Ausrüstungsgegenstände der geflüchteten deutschen Truppen herum. Gewehre, Munition, und allerlei anderes Kriegsgerät. Die Hervester Jungen erkundeten die gesprengte Lippebrücke, sie lag schräg mit der Fahrbahn im Fluß. Deutsche Soldaten hatten die 1925 erbaute Brücke bei ihrem Rückzug zerstört. Mit einigen Kletterkünsten und großen Sprüngen über Betonbrocken erreichten die Jungen das andere Lippeufer. Der Rückweg ging ebenso, nur die Füße und die Hose wurden ein wenig naß. In der Stabsabteilung 403 der Flak auf dem alten Sportplatz durchsuchten sie dann die Überbleibsel der Wehrmacht. Fallschirmleucht-Patronen zerlegten die Jungen fachkundig. Der Zylindermantel war aus Pappe, das erleichterte die Demontage der kleinen Feuerwerker. Mit dem Pulver wurde experimentiert. Später nahm Paul einige Patronen mit nach Hause. Bei Fromm in der Küche glühte der Küppersbusch-Herd. Eine Patrone befestigt Paul an ein Stück Band und bewegte es wie ein Uhrpendel über der Herdplatte. Herrliche kleine Funken sprühten durch die Küche. Es war Sonntags nach der Kirche üblich, daß die Verwandten vom Hellweg zum Kaffe einkehrten. So war es auch heute, als Paul mit dem Funken experimentierte. Paul hatte die Munition zu langsam über die Herdplatte gezogen. Mit einem dumpfen Knall explodierte das "Kinderspielzeug". Die Eltern und Verwandten kamen herbei, und sahen die verräucherte und geschwärzte Küche. Der Junge bekam eine kräftige Tracht Prügel für sein Feuerwerk. Nach dem Mittagessen durfte der Paul mit dem neuen schönen Mantel spazieren gehen. Auf dem Hof des Gasthauses Grütering war der Schäferhund "Bodo" zuhause. Auf einem dort abgestellten Leiterwagen vergnügten sich die Jungen und reizten dabei den Hund. Wie es geschah, weiß Paul nicht mehr genau, aber der Hund erwischte seinen schönen Mantel, und zerlegte diesen in Stücke. Au weia, was nun. Der Weg nach Hause war ja nicht weit. Er schlich sich ins Haus dort versteckte den so mühselig angefertigten Mantel im Schrank. Der Hund hatte ganze Arbeit geleistet, alle Nähte waren aufgerissen. Auf die erstaunte Frage der Mutter: "Warum hast du dich umgezogen?" Antwortete er: "Ach Mutter, im Dorf ist alles durcheinander, und da wollte ich lieber in alten Sachen spielen." Bis zum späten Nachmittag ging alles gut. Dann sollte Paul mit der Familie zur Christenlehre in den Dom gehen. Paul druckste herum, er wollte nicht mit. Die andern hätten auch keinen Mantel an, protestierte er. Die Mutter war dagegen, weil sie doch solch einen schönen Mantel machen ließ. Ein Machtwort des Vaters änderte Pauls Meinung. Der Junge schlich nach oben zum Schrank. Er mußte sich umziehen, die Mutter folgte. Au, Mann oh Mann, nun sah die Mutter die zerfetzten Sachen. Es wurde sehr laut im Hause an der Dorfstraße, und Paul hatte eine bis heute nicht vergessene Abreibung bekommen. Nach dem Kirchenbesuch ohne den Mantel kam die Krönung des Tages. Ein Jeep mit vier schwarzen Soldaten stoppte vor dem Haus Fromm und diese erlegten nach Wild West Art mit der Maschinenpistole alle Hühner im Stall. Die erlegten Tiere schmissen sie auf den Wagen und brausten davon. Nasse Füße, zweimal eine kräftige Tracht Prügel, und dann alle Hühner erschossen und fortgeschafft, zu viel für einen einzigen Tag, meint der Paul heute.