GESCHICHTEN aus HERVEST
Von Werne nach Hervest.
Im Jahre 1956 im Monat Juli starteten zwei Hervester Jungen zu einer Paddelbootfahrt von Werne an der Lippe bis nach Hervest. Wir zwei Jungen hatten vieles gemeinsam, sogar den 20. September als Geburtstag. Die Eltern von Hans Jürgen wohnten in Werne, und aufgewaschen war er bei seinen Großeltern Benedikt Focken Kremer an der Glück- Auf Straße. In Werne bekam Jürgen ein Paddelboot geschenkt, es lagerte dort in einem Bootshaus am Lippe- Seiten- Kanal. Alleine aber wollte er die Tour nach Hervest nicht machen. Gemeinsam mit mir (Walter Biermann) starteten er das kleine Abenteuer. An einem Samstagmorgen fuhren wir mit der Straßenbahn bis nach Recklinghausen, dort stiegen wir in einen Bus, der über Lünen, Brambauer bis nach Werne fuhr. Kurz nach dem Mittag kamen wir in Werne an und gingen sofort zum Bootshaus. Das Boot war schon ein wenig älter, und die Außenhaut war schon porös. Aber Jürgen hatte vorgesorgt. Mit Fahrradflickzeug und Gummilösung dichteten wir die größeren Löcher ab. Nach einer Testfahrt im Kanal trugen wir das Boot zur Lippe. Der Fluß war gut gefüllt und hatte schon ein wenig Hochwasser durch die vielen vorherigen Regentage. Nachdem das wenige Gepäck verstaut war, kletterten wir in das wackelige Paddelboot. Gleichmäßiges Paddeln und Steuern mußten wir erst noch lernen. Oft drehten wir uns im Kreis auf der Lippe. Nach etwa 30 Kilometern flußabwärts bemerkten wir, daß Wasser in unser Boot eindrang. Mit den Händen schöpften wir es aus dem Boot und steuerten das rettende Ufer an. Die Uferwiesen waren zum Teil überschwemmt und in unserer Not übersahen wir einen Stacheldrahtzaun. Durch einen langen Riß drang das Lippewasser in das Schiffchen. Zum Glück war das Wasser auf der Wiese nicht tief. Die Wassertiefe etwa 60 Zentimeter ermittelten wir mit den Paddel. Schnell kletterten wir aus dem sinkenden Schiff und schoben es an das Ufer. Erneut mußten unsere Reparaturkünste an der jetzt feuchten Bootshaut bewiesen werden. Nach erfolgreicher Reparatur fuhren wir weiter bis zu den Dortmunder Rieselfeldern. Leicht rieselte auch der Regen auf uns nieder. Der Abend nahte und welch ein Glück, da hatten die Bauern doch noch Heuschober auf den Wiesen stehen. Das Boot wurde mit großer Vorsicht an das Ufer manövriert, unseren Ruheplatz fanden wir im Heu. Ein Bett im Heu, so schön war es da nicht. Es roch zwar sehr gut, aber die feuchte Kleidung, das nasse Heu und der Dauerregen taten uns nicht gut. Vor Erschöpfung schliefen wir ein. Am nächsten Morgen hörte der Regen auf, als wir unser Schiffchen in das Wasser der Lippe schoben. Die Enten, Perlhühner und Ratten flüchteten, als sie uns mit dem Boot sahen. Das Ufer war sehr schlammig, als wir ins wackelige Boot kletterten. Erwähnen möchte ich noch, daß wir die Reise in kurzen Hosen antraten, was fürchterliche Folgen für uns hatte. Irgendwann tauchte vor uns am Ufer ein Schild: "Vorsicht Wehr" auf. Was konnten Hervester Jungen mit Wehr anfangen? Nichts. Also steuerten wir das Ufer an. Da standen blühende Brennesseln wohl zwei Meter hoch dicht bei dicht gedrängt. Mit dem Paddeln bahnten wir uns einem Weg durch die Brennesseln bis zum rauschenden Wehr. Tosend stürzte das Wasser auf eine Turbine, die zur Stromerzeugung diente. Etwa 2 Meter tiefer floß unsere Lippe ruhig weiter. Also mußten wir ohne Paddelschutz das Boot durch die Brennessel tragen. Unsere Beine, vom Knöchel bis zum Oberschenkel und die Unterarme wurden arg verbrannt. Au, das war schon schlimm, rot weiß gepunktet sahen Arme und Beine aus. Mit Lippewasser kühlten wir unsere Blessuren mit geringen Erfolg ab. Im Unterwasser setzten wir unsere Fahrt fort. Vorbei an Hullern und Ahsen schlängelte sich die Lippe, und wir kamen gut voran. Vor Haltern verschlangen wir unser letztes Brot, und zu trinken hatten wir schon lange nichts mehr. Wir hatten nur einen Tag für die Überführung des Bootes geplant, nun waren es schon zwei. In einem Gasthaus in Haltern an der Bundesstraße 51 kauften wir eine Flasche Sprudel, die wir uns einteilen mußten weil auch unser Geld für die Reise verbraucht war. Der Hunger plagte uns nun immer schlimmer. Ich kannte in Lippramsdorf, beim Kusenhorst, einen Gemüsebauern in dessen Feldern wollten wir uns laben. Wir wollten ein paar Möhren oder Kohlrabi stiebitzen, um unseren Hunger zu bekämpfen. Mit der gebotenen Vorsicht schlichen wir uns an das Feld heran. Au weia, da war doch der Gärtner am heiligen Sonntag auf seinen Feldern. Wir wollten oder mußten Eßbares haben. Platt wie Flundern robbten wir durch seine Beete. Einige Reihen Wurzeln zogen wir heraus und vertilgten sie an Ort und Stelle. Einige steckten wir noch in unsere Hosentaschen und verschwanden lautlos zurück zum Boot. Die aufgescheuchten Fischreiher, Enten, Wasserhühner auch die uns anglotzenden Kühe konnten uns nicht mehr erheitern. Nur nach Hause, nach Hervest, wollten wir beiden. Die letzten Kilometer kamen uns unendlich lang vor. Als die Hervester Lippebrücke in Sicht kam, wurden wir immer schneller und wären bald noch in die Stromschnellen geraten. Das Boot blieb am Ufer liegen und wir rannten nach Hause. Meine Mutter hatte einen großen Teller mit kalten Reibekuchen in der Küche stehen, die ich in großer Hast alle vertilgte. Jürgen war es nicht anders ergangen, auch er verdrückte alles Eßbare, und seine Oma staunte nicht schlecht. Wenn einer eine Reise macht, kann er was erzählen. nächste Geschichte