Jakob der Rabe

GESCHICHTEN aus HERVEST

Jakob der Rabe

Am Allerheiligen Feiertag am 1. November 1952 tauchte bei der Gräbersegnung auf dem Paulusfriedhof ein schwarzer Rabe auf. Der Vogel flog von einem Grabstein zum anderen, als der Pastor Westermann mit dem Küster über den Hauptweg ging, und die Gräber segnete. Funken "Jöppken", der Küster versuchte den Vogel erfolglos zu verscheuchen. Die ernsten Gesichter der Anwesenden auf dem Friedhof veränderten sich in grinsende. Sogar leises Lachen und Kichern war zuhören, als der Küster mehrmals versuchte, den Raben, der nun hinter beiden auf dem Weg herlief, zu verjagen. Nach der kirchlichen Zeremonie liefen alle Kinder des Dorfes hinter den Vogel her und riefen: "Jakob, Jakob". Fangen ließ sich das schlaue Tier nicht. Nur bis auf wenige Zentimeter konnten die Kinder an den Raben kommen, aber beim Versuch, ihn zu schnappen, flog der Vogel fort. Und doch wurde die schlaue Dohle von mir (Walter Biermann) überlistet. Ich versuchte, wie alle anderen Kinder, den Vogel mit Hühnerfutter anzulocken. Die Körner verschmähte er, aber die getrockneten Krabben oder Garnelen im dem Futter suchte sich der Jakob aus. Also suchte ich alle getrockneten Leckerbissen aus dem Futter und versuchte auf den Knien liegend mein Glück. In immer kürzeren Abständen legte ich das Futter vor meine Beine aus. Ganz vorsichtig näherte sie dar Rabe, beäugte mich, schnappte das Futter, und sprang zurück. Die anderen Kinder, vor allem die Jungen riefen: "Fang den Jakob"! Angefeuert von meinen Freunden stürzte mich auf den schwarzen Vogel. Er entglitt meinen Händen, und versuchte zwischen meine Beine zu flüchten. Vergeblich, ich hatte den Jakob gefangen. In Verzweiflung zwickte der Vogel mit seinem Schnabel in meine Hände. Aber den Jakob los lassen, kam für mich nicht mehr in Frage. Was nun? Der Rabe war nun unser Gast. Zuerst steckte ich den Vogel in unseren Taubenkorb. Schnell baute ich einen Kasten mit Maschendraht, und hängte diesen vor unser Stallfenster. Mit dem Spezialfutter und viel Geduld gewöhnten wir beide uns aneinander. Nach ein paar Tagen fragte mich meine Mutter, ob ich Jakob, Jakob rufe, und als ich es verneinte, beobachteten wir den Vogel. Er konnte sprechen, schön und deutlich "Jakob". Es kam der Tag als ich leichtsinnig war, und den Vogelkasten säuberte. Die Türe war nicht verschossen, der Jakob war frei. Und wie frei sich das Tier fühlte, es flog hoch auf das Dach, dann in den Eichenbaum, fort war er. Ach wie schade, immer wieder rief ich Jakob, Jakob. Der Vogel war fort. Die anderen Kinder hatten die Dohle bemerkt, und liefen hinter dem Jakob her. Walter, Walter, riefen sie immer, hier ist der Jakob. Als ich die Hoffnung aufgab, den Vogel zurück zu bekommen, rief mich meine Mutter: "Walter, Walter der Jakob sitzt oben auf unseren Haus". Mit dem Spezialfutter in der Hand, rief ich fast bettelnd, Jakob, komm, Jakob komm. Der Rabe flog doch tatsächlich auf meine Hand, und pickte von dem Futter. Ich versuchte nicht den Vogel zu fangen, sondern ging dem Tier auf der Hand zum Stall. Der Jakob sprang auf seine Stange und putzte sich das Federkleid. Von da an, flog der Rabe frei durch das Dorf Hervest. Dann kamen die ersten Beschwerden von den Nachbarn, der Jakob zieht die Holzwäscheklammer von der Leine und die Wäsche fällt in den Dreck. Und Lehrer Konrad Wiemeyer ließ mir ausrichten, der Vogel störe den Unterricht der Pauluschschule, weil das Tier auf der Fensterbank des Klassenzimmers sitzt, und Jakob rufe. Verstehen konnte der Jakob es nicht, das ich nicht dort bei meinen Freunden in der Klasse war, sondern zur Augustaschule mußte. Also sperrte ich den Vogel eine Zeitlang ein. Dann saß das Tier traurig auf der Stange, und sprach so vor sich, "Jakob, Jakob". Eines Tages hörten wir, daß der Rabe auch "Walt her, Walt her", rufen konnte. Das war noch nicht alles, pfeifen lernte das schlaue Tier auch noch. In den großen Schulferien konnte Jakob wieder frei fliegen. Es fuhren damals viele Radfahrer zur Arbeit nach den Chemischen Werken in Marl. An der Kreuzung Friedhoftraße und Glück- Auf Straße sammelten die Arbeiter morgens, und fuhren dann gemeinsam zur Arbeit. Oft machten sich die Arbeiter durch eine besonderen Pfiff auf einander aufmerksam. Der schlaue Jakob lernte auch das Flöten genau. Morgens, kurz nach 6 Uhr saß der Vogel in dem großen Lindenbaum an der Friedhofstraße, und fuhr ein Arbeiter unter dem Baum her, flötete der Vogel. Der Mann drehte sich, um sah aber niemanden und stieg vom seinem Rad ab. Als keiner zu sehen war, der mit dem Erkennungspfiff auf sich aufmerksam machte, setzte der Arbeiter sich auf sein Rad und fuhr in die Paulusstraße. Jetzt flog auch der Rabe aus dem Baum, dicht über den Kopf des verdutzten Arbeiters, und rief Jakob, Jakob, und flog in den Eichenbaum beim Pastorat. Laut schimpfend, auf den blöden Vogel, fuhr der unnötig aufgehaltene weiter zur Arbeit. So veräppelte der Jakob manchen Arbeiter. Dann war die Dohle bei den "Vestischen" noch als "Schwarzfahrer" aufgefallen. Der Vogel saß oben auf dem Bus der neu eingerichteten Autobusstrecke nach Dorsten. Die Buslinie führte damals von der Halterner Straße zur Endstation Dorfstraße. Der leere Bus fuhr in die Glück- Auf Straße, und drehte vor dem Friedhof, und fuhr zur Endstation zurück. Bei dieser langsamen Fahrt saß der Jakob oft oben auf dem Bus. So war damals der Jakob, einige Jahre mein guter Begleiter und Kumpel in Hervest. nächste Geschichte


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