Der hl. Paulus und der Speck auf Hochdeutsch

GESCHICHTEN aus HERVEST Speck in der Glockenkammer, und der heilige Paulus.

In unserem Dorf Hervest wohnte in früher Zeit der Pastor auf dem Wemhof. Sein Nachbar war der Kirchenküster. Die beiden hielten gute Nachbarschaft und hatten sich so gut, wie es nur möglich war. Es war Winterzeit, und unser Pastor hatte geschlachtet. Nun war er um den Speck in großer Sorge, weil es in dem alten nassen Pastorat gar nicht trocknen wollte. Er lief zu seinem Nachbarn, dem Küster, der sollte ihm einen guten Rat geben. "Da wüßte ich wohl einen", sagte der Küster "bringen sie den Speck nur auf den Kirchturm in die Gockenkammer, da hängt er luftig, da soll er wohl trocken werden". "Das ist ein Einfall (Vorschlag)" sagte der Pastor "das geht". Am nächsten Tag wurde der Speck auf die Glockenkammer gebracht. Lange Zeit kümmerte sich der Pastor nicht um den Speck oben in dem Turm. Eines Tages kam er zufällig auf dem Kirchturm, und da fiel ihm auch sein Speck wieder ein. Er zog die Tür auf, um zu sehen, wie der Speck aussah. Was war das! Der Speck hatte sehr abgenommen! Der Pastor lief die Treppe herunter, zum Küster und sagte:" Küster, da haben sie mit einen guten Rat gegeben. Es sind Spitzbuben in der Glockenkammer gewesen und haben einen großen Teil von dem Speck gestohlen. Kommen sie schnell mit auf dem Turm und sehen sie sich das an". Der Küster wollte das gar nicht glauben und stieg mit seinem Herren die Treppe zum Turm empor. "Sie haben recht" sagte der Küster, "der Speck ist weniger geworden, aber wer soll der Dieb sein?" Dabei schaute er in alle Ecken, ob er den Dieb finden könnte. Auf einmal rief er:" Herr Pastor , hier ist er!" Da lag der heilige Paulus, der in der Glockenkammer aufbewahrt wurde, mit einer Speckschwarte in den Mund. Der Pastor war so ärgerlich über seinen Verlust, daß er am nächsten Tag den Kirchenvorstand einberief. Der sollte beschließen, was mit dem Dieb geschehen soll. Schnell war man sich einig, den Spitzbuben zu verbrennen. Ein großer Holzhaufen wurde aufgeschichtet, der heilige Paulus darauf geworfen und verbrannt. Bisher wurde die Heiligenfigur alle Jahre bei der Fronleichnams- Prozession mit über die Felder getragen. Als nun das Fest kam, hatten die Hervester keinen heiligen Paulus: und der mußte doch dabei sein, wie es seit Jahren war. Da wußte der Küster einen Ausweg. Im Kirchspiel wohnte ein alter Bauer, der hat so ein verknöchertes Gesicht, so rote Haare und einen langen rötlichen Bart, genau wie es der heilige Paulus hat. Der muß aushelfen, und tat das auch. Der Bauer wurde auf die Trage gesetzt und die Prozession zog aus. Er hielt sich stur und steif ganz besonders dann, wenn die Träger an den Altären, wo der Segen gegeben wurde, wechselten. Alles ging gut. Nun kam man an Schulten-Kapelle da gab es den letzten Segen. Die Böller schossen und die Prozession zog weiter. Die Träger hoben den heiligen Paulus wieder auf, zum Unglück so hoch, daß der heilige Mann mit seinen Kopf in die Zweige der Buchenbäume kam. Da hatte sich gerade ein Bienenvolk niedergelassen. Sie fühlten sich angegriffen und machten auf unseren Heiligen eine Attacke. Auf Nase, Mund, Ohren und Stirn setzten sie sich hin, der arme Bauer konnte sich vor Schmerzen nicht retten. Mit einem Satz sprang er von seinem Thron und lief, was er laufen konnte, durch das Kornfeld. Die Träger warfen die Trage auf die Erde und rannten hinter dem Heiligen her, um ihn einzuholen. Der war über alle Berge und kein Mensch hat ihn je wiedergesehen. Im Dorf Hervest erzählten sich die Leute, der heilige Paulus wäre wieder lebendig geworden. Heimatkalender Herrlichkeit Lembeck 1926 Seite 56/57. Aus dem Platt übersetzt von Josef Steven Hellweg. zurück zu den Bildern oder nächste Geschichte


Startseite Inhaltsverzeichnis Index